30-Stunden-Woche für mehr Gerechtigkeit

Rede zu meiner Motion zum Frauen*streik „Erwerbsarbeitszeitverkürzung auf 30 Stunden pro Woche“. Die Motion wurde abgelehnt – sogar von der Mehrheit der SP. Die Forderung der feministischen Streikbewegung ist damit noch lange nicht beerdigt. Im Gegenteil, jetzt geht es erst richtig los!

Foto vom feministischen Streik am 14. Juni in Basel

Frauen und Männer arbeiten im Durchschnitt gleich viel. Es sind gut 52 Stunden pro Woche. Trotzdem verdienen Frauen im Durchschnitt viel weniger, sind abhängig vom Einkommen ihres Partners und im Alter viel häufiger von Armut betroffen. Das trifft aber nicht nur Frauen, sondern allgemein Menschen, die die Sorge- und Hausarbeit leisten. Die sich also um die Kinder, um den Haushalt, um alte und kranke Menschen kümmern, ohne dafür bezahlt zu werden. In unserer Gesellschaft sind das noch immer vor allem Frauen.

Der neoliberale Ansatz, das Problem zu lösen, heisst: Frauen sollen neben den durchschnittlich gut 30 Stunden unbezahlter Arbeit pro Woche auch noch ein 80 oder 100% -Pensum für Lohn arbeiten. Bei Frauen und alleinlebenden Männern mit Kindern sind es über 40, teilweise sogar über 50 Stunden unbezahlter Arbeit. Das bringt nicht mehr Gerechtigkeit, sondern eine massive Mehrbelastung, welche auf Dauer krank macht. Oder habt ihr das Gefühl, es sei gesund, 12 Stunden pro Tag zu arbeiten, auch am Samstag und Sonntag?

Bitte hört auf, die Menschen, die sich um Kinder, Alte und Kranke kümmern, dafür zu bestrafen, dass die Arbeit machen, ohne die unsere Gesellschaft und auch unsere Wirtschaft nicht funktionieren kann.

Wir müssen endlich die strukturellen Probleme angehen. Dafür gibt zwei Ansätze.

  1. Wir machen unbezahlte Arbeit zu bezahlter Arbeit indem ein Lohn für Hausarbeit, Kinderbetreuung, Altenpflege etc. eingeführt wird.
  2. Wir verkürzen die bezahlte Arbeit so, dass es möglich ist, die Sorgearbeit zu neben einem 80 oder 100% zu leisten, ohne gesundheitlich an einen Anschlag zu kommen. Bei diesem Ansatz braucht es einen Lohnausgleich.

Der erste Ansatz ist gut, ich halte den zweiten aber für einfacher umsetzbar und verlange mit der Motion deshalb diesen.

Von mir aus können wir darüber reden, ob der Lohnausgleich bei allen Einkommensklassen voll geleistet werden soll, oder ob man dem oberen Kader nur einen teilweisen Lohnausgleich gewährt. Dafür müsst ihr diese Motion aber erst einmal überweisen.

Ja, das kostet. Aber wir müssen uns bewusst sein: Auch das heutige System kostet. Schweizweit entgegen Frauen 100 Mia Franken, weil sie ungerechtfertigt weniger verdienen und – das ist der Hauptgrund – weil sie im Wert von 85 Milliarden Fragen mehr unbezahlte Arbeit leisten als Männer. Heruntergebrochen auf unseren Kanton sind es etwa 2.5 Milliarden Franken. Also deutlich mehr als die präsentierten Kosten der vorgeschlagenen Verkürzung der Erwerbsarbeitszeit.

Und ja, der Kanton Basel-Stadt wäre aktuell der einzige Arbeitgeber in der Schweiz, der das macht. Anstatt das als No Go-Argument zu führen, könnten wir auch stolz darauf sein, innovativ voran zu gehen. Ich hoffe sehr, dass dann andere Arbeitgebende dem Beispiel folgen und wir später mal eine allgemeine Erwerbsarbeitszeitverkürzung auf Bundesebene einführen können.

Es ist entwürdigend, dass Menschen, die ihr Leben lang gearbeitet und für andere Menschen da waren, im Alter in der Armutsfalle landen, weil unser Lohn- und Rentensystem unbezahlte Arbeit als inexistent erachtet. Es ist ein Affront, wenn Sorge- und Hausarbeit als Arbeit zweiter Klasse angesehen wird. Es ist an der Zeit, hier endlich etwas zu ändern!